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"ICH BIN HEUTE FREI!"

17 Jahre unschuldig im Todestrakt - Juan Roberto Melendez beim ersten Deutschlandbesuch in Wuppertal

Endlich war es soweit: Juan Roberto Melendez und die US-amerikanische Anwältin Judi Caruso besuchten uns am 18. Mai 2005 in Wuppertal. Die streßigen Tage der Vorbereitungen für diese einmalige Treffen waren vergessen. Ganz kurzfristig war es uns gelungen, den gebürtigen Puerto Ricaner, der über 17 Jahre unschuldig in einer Todeszelle in Florida saß, auf seiner Europa-Tournee nach Wuppertal zu holen. Es wurde sein erster Deutschlandbesuch. Der Satz: "Ich bin froh, heute hier zu sein", gewann in diesem Sinne an doppelter Bedeutung. Juan Roberto Melendez, der heute für eine kanadische Menschenrechtsorganisation arbeitet, nutzt seine Freiheit, um seine Botschaft publik zu machen: Er plädiert für die Abschaffung der Todesstrafe weltweit. Vor einem mucksmäuschenstillen Publikum berichtete er in Wuppertal von seinem ergreifenden Leben.

Der 2. Mai 1984

"Eigentlich", so erzählt Melendez, "fühlte ich mich schon als kleines Kind als ein Überlebender." In Brocklyn als Sohn einer Farmerfamilie geboren und in ärmlichsten Verhältnissen in Puerto Rico aufgewachsen, ging Melendez als kleiner Junge barfuß zur Schule. Viele Krankheiten gab es auf der Insel, und natürlich keine Medikamente. Viele Kinder starben schon im jungen Alter. Das Leid war groß.

Und so wollte er weg, möglichst schnell weg aus dieser Gegend voller Armut. Doch er machte einen Fehler, den er heute als seinen "größten Fehler im ganzen Leben" bezeichnet. Statt auf die Mutter zu hören, schmiss Melendez mit 17 Jahren die Schule, nur um endlich "rauszukommen".

Endlich wollte er arbeiten und Geld verdienen um seiner Familie und sich über die Runden zu helfen. Ärmlich als Erntehelfer verließ er die Insel.

"Bei uns herrschte damals Trockenheit. Wir schrieben das Jahr 1984 - ein schlechtes Jahr für Erntehelfer!", resümmiert Melendez über das Jahr, das für lange Zeit sein letztes in Freiheit sein sollte. Sein Weg führte ihn deshalb nach Florida, wo es in dem Jahr mehr Regen gegeben hatte. "Ohne die Dürre, ja ohne diesen quälenden Beruf, wäre ich nie nach Florida gekommen." Hier in Florida, da sollte das Leben von Melendez eine ganz andere Wendung nehmen - eine, von der er in seinen bittersten Alpträumen nicht gewagt hätte zu träumen.

"Es war am 2. Mai 1984", Melendez erinnert sich noch so, als sei es erst gestern gewesen: "Ich war gerade in Florida angekommen." Danach sollte es weiter bis nach Pennsylvania gehen. In der Nähe von Mac Bangsburg, eine kleine Stadt in Florida, arbeitete Melendez mit einer Schar anderer Erntehelfer auf dem Feld, um Äpfel zu ernten, als plötzlich der FBI kam. Alle sollten sich sofort auf den Boden legen. Mit Gewehren und Pistolen sicherten die Beamten der Bundespolizei das Feld - keiner durfte sich bewegen. "Schließlich riefen sie meinen Namen", wundert sich Melendez noch heute, wie sie gerade auf ihn kamen. Melendez erhob sich, hob die Hände über den Kopf und trat auf Befehl der Beamten hervor.

Juan R. Melendez

"Zunächst hielt ich alles für einen schlechten Witz, einen Irrtum", erinnert sich der damalige Erntehelfer, der heute für eine kanadische Menschenrechtsorganisation aktiv ist. "Vielleicht ist ja irgendetwas mit meinen Einwanderungspapieren nicht in Ordnung", war sein erster Gedanke damals. Er sollte den Mund öffnen, befahlen die FBI-Polizisten. Melendez wunderte sich. Heute weiß er, warum er den Mund öffnen sollte. In der Nähe des Feldes war ein Inhaber eines Schönheitssalons ermordet worden. Melendez hatte ihn nie gesehen, aber der Mörder solle einen fehlenden Zahn und ein Tattoo gehabt haben, so hieß es. Beides war bei Melendez der Fall. Das reichte dem FBI für einen Haftbefehl. Noch heute ist Melendez ob dieses fast willkürliche Verhalten der Beamten empört.

In Handschellen wurde Melendez abgeführt und kam in ein Bundesgefängnis. Er solle aus Florida ausgewiesen werden, hieß es zunächst. Mehr verstand Melendez nicht. "Ich konnte damals kein Wort Englisch."

Nach fünf Tagen: Todesurteil

Für den nächsten Tag war ein Gerichtstermin angesetzt. Es ging alles in einem atemberaubenden Tempo.

Melendez wurde ein überforderter Pflichtverteidiger zur Seite gestellt. Keine Seltenheit in den USA, und doch für Melendez eine für ihn bis dahin nicht denkbare Tatsache im "Rechtsstaat USA". Einen Dolmetscher, den gab es erst gar nicht. Hoffnungsvoll sprach der Pflichtverteidiger ihm zu: "Sie werden Florida verlassen müssen, mehr haben Sie nicht zu befürchten. Sie haben ja nichts verbrochen."

Von Mord war keine Rede - jedenfalls begriff Melendez ohne Englischkenntnisse erst viel später, worum es bei dem Gerichtsverfahren wirklich ging.

Drei Tage zogen sich die Verhandlungen hin. "Ein Informant der Polizei behauptete während des Verfahrens, ich habe den Mord gestanden. Nichts hatte ich! Ich verstand doch kein Wort Englisch!", ist Melendez noch heute wütend, wie fast ohne rechtsstaatliche Mittel im Strafprozessen Floridas vorgegangen wird. Allerdings sagte der Informant damals auch, dass auch ein anderer "Schwarzer" verdächtig sei. Auch er wurde verhaftet, machte aber widersprüchliche Angaben, so dass die Staatsanwaltschaft mit ihm schließlich einen Deal aushandelte. Er solle doch Melendez beschuldigen, um selbst einigermaßen unverzehrt aus der Sache herauszukommen. Diesem Ratschlag folgte der Verdächtigte. Er gab an, er habe Melendez mit seinem Wagen zum Tatort mitgenommen und sei später wieder zurückgefahren. Melendez sei also am Tatort gewesen, nur er könne den Mord verübt haben.

Für diesen Deal kam der Schwarze selbst mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe davon. Drei weitere Zeugen wurden gehört. Alles Alibizeugen. Einer hatte in der Tat noch eine Rechnung mit Melendez offen. Die anderen beiden waren auch nicht sehr glaubwürdig. Auf der anderen Seite konnte Melendez selbst zwei Zeugen benennen, die seine Unschuld beweisen konnten. Doch es waren "Schwarze". Und "wenn Schwarze für einen Schwarzen in Amerika aussagen, so gilt deren Aussage nicht viel - bis heute", kritisiert Melendez den bis heute noch in weiten Teilen verbreiten Rassenwahn in den USA. "Vieles hat sich verbessert, aber eine völlige Gleichberechtigung gibt es bis heute nicht", klagt Melendez, der selbst einen Sticker von Martin Luther King an seinem Pulloverkragen trägt.

Am Donnerstag war es bereits soweit. Die Richter sprachen ihr Urteil: "Schuldig". Ein Tag später folgte das Todesurteil. Innerhalb von fünf Tagen, innerhalb von noch nicht einmal einer Woche war aus einem ärmlichen Erntehelfer ein Todeskandidaten geworden. "Alles ging so schnell - atemberaubend schnell", kann Melendez bis heute seine Empörung über diese Gerichtsverfahren nicht in Worte fassen.

"Ich haßte damals alle. Die ganze Welt schien auf einmal für mich unterzugehen.", schildert Melendez seine damaligen Gefühle. Er haßte diesen Pflichtverteidiger, der ihm alles nur als kleine Lapalie dargestellt hatte, für die er ausgewiesen werde, und der ihm noch im Prozeß auf die Schulter geklopft hatte ("Das wird schon!"). "Ich hatte Angst zu Sterben."

17 Jahre 8 Monate und einen Tag in Todesangst

Die Tage vergingen in der dunklen, düsteren Todeszelle nur sehr langsam. Mit Ratten und Kakerlaken teilte er sich sein Essen. Durch eine kleine Klappe wurde den Häftlingen das Essen in die Zelle gereicht. Wenn man zu spät war, war das Essen schon weg. Die Ungeziefer fraßen, was sie nur konnten.

"Ich wollte von der ganzen Welt nichts mehr wissen", erinnert sich Melendez. Traurig deckte er sich mit seiner Bettdecke den ganzen Tag bis über den Kopf zu. Die Wintertage können in Florida gewaltig kalt werden. Doch die Ratten froren auch. So schlichen sie sich immer wieder bis unter die Bettdecke und krabbelten den Körper hoch. "Als die Ratten am Gesicht ankamen, stand ich gewaltig auf, schüttelte die Decke aus und es machte ordentlich <>." Einige Ratten überlebten dies nicht.

An Füßen und Händen trugen die Häftlinge, so auch Melendez, Ketten. Jeder Schritt wurde zu einer reinen Turtur. Zweimal in der Woche war Hofgang angesagt - immer montags und mittwochs.

Juan Roberto Melendez, Barbara Heckel (Dolmetscherin) und Judi Caruso (amerikan. Anwältin) auf der Bühne des Wuppertaler Begegnungszentrums der Caritas.

Seinen Mithäftlingen erzählte er von seiner unglaublichen Geschichte. Schon wenige Tage nach der Einlieferung in die Todeszelle, es war der Dienstag, fand eine Hinrichtung eines anderen Häftlings statt. "Ich fragte mich, wie lange es noch dauern würde, bis ich dran sei." Sollte es auch so schnell gehen, wie der ganze Prozess, der in weniger als einer Woche von der Bühne gegangen war? Aber es dauerte - 17 Jahre 8 Monate und 1 Tag.

"Nach etwa zehn Jahren Gefangenschaft hatte ich genug. Zehn Jahre lang hatte ich gesehen, wie andere Häftlinge tot aus ihren Zellen transportiert worden waren.", erinnert sich Melendez an seine konkreten Gedanken an Selbstmord. "Ich machte mir eine Schlinge." Wie an den Stühlen festgenagelt hört das Wuppertaler Publikum den Schilderungen von Melendez gespannt zu. "Ich legte mir die Schlinge unter das Bett, denn ich dachte mir, ich solle es mir noch einmal überlegen." Melendez fiel in einen tiefen Schlaf. "Ich träumte von meiner Kindheit, von dem schönsten Strand auf der Welt in Puerto Rico und von zwei spielenden Delfinen, mit denen ich immer so viel Spaß gehabt hatte. An der Küste sah ich eine alte Dame - meine Mutter. Sie war so glücklich, so glücklich, dass ich glücklich war." Melendez wachte auf. Jetzt wußte er, er werde sein Leben nicht wegwerfen, sondern bis zum Schluss kämpfen. "Ich werde nicht sterben!", schwor er sich und spülte den Strick die Toilettenspülung herunter.

17 Jahre 8 Monate und 1 Tag veränderten den jungen Melendez. "Solche Zeit hinterläßt keine Kollateralschäden, wie es immer so schön heißt", weiß Melendez so gut wie kaum ein anderer.

"Besonders leid tat mir meine Mutter", so Melendez. "Bis heute trage ich ich einen Brief, den sie mir damals schickte, bei mir." Die Mutter im fernen Puerto Rico betete jeden Tag um ein Wunder, sie baute einen Altar extra für ihren geliebten Sohn, dass dieser endlich freikomme.

Eine besondere Tortur aber war es, wenn man im Gefängnis krank wurde. Medikamente gab es keine. "Warum auch, wir sollten doch ohnehin alle bald sterben", ist Melendez empört. An einem schönen sonnigen Tag machte Melendez jedoch eine so tiefgreifende Erfahrung, die er bis heute nicht vergessen kann. Der Atem stockt ihm, als Melendez in Wuppertal anfängt, von seinem aller besten Freund zu sprechen, den er im Gefängnis kennengelernt hatte. Ohnehin, Freunde hatte er dort viele. Sie waren es, die ihm überhaupt Englisch beibrachten - dem spanischen Muttersprachler. Einer dieser Freunde, Melendez nennt ihn bis heute "Bruder", half ihm damals am meisten. "Er sagte mir, was ich zu lernen habe", erinnert sich Melendez. Zusammen spielte man Basketball oder hob Gewichte - Zeitvertreibungen, die seitdem Jepp Bush, der Bruder von US-Präsident George W. Bush, Gouverneur von Florida ist, verboten sind. "Wir durften das damals noch. Gouverneur Bush aber versucht heute, den Lebensgeist der Gefangenen zu brechen", prangert Melendez die menschenfeindliche und diskriminierende Politik der Bush-Familie an.

Doch zurück zu dem bereits erwähnten sonnigen Tage, an dem wieder ein Hofgang stattfand und der sich in die Erinnerung von Melendez eingegraben hat. Sein bester Freund, der "Bruder", kippte während des Hofganges plötzlich um. Weißer Schaum quoll aus seinem Mund. Die Mithäftlinge riefen sofort nach Hilfe, doch die Gefängniswärter ließen sich erst einmal Zeit. Erst nach einer längeren Zeit wurde das Hospital angerufen. Ein Krankenpfleger kam, der aber keine Medizintasche bei sich hatte. Als plötzlich der Atem des Patienten ausfiel, weigerte sich der Krankenpfleger, eine Wiederbelebung durchzuführen. Einem Todeskandidaten, zumal einem "Schwarzen", wolle er nicht so eng berühren. Daraufhin lief Melendez selbst zu seinem Freund und nahm die Wiederbelebung vor. Nach der dritten Beatmung öffnete der Kranke seine Augen. "Ich war so glücklich, ich hätte die Welt umarmen können", erinnert sich Melendez heute. Doch seine Freude kam zu früh. Die Pupillen seines "Bruders" kippten schon kurze Zeit später nach hinten. Er atmete noch einmal, dann war er tot. "Er starb quasi in meinen Armen", ist Melendez noch heute traurig und wütend zugleich, wie wenig ein Menschenleben in den Augen der Gefängniswärter wert ist. Ein Skandal!

Diese Wut ließ Melendez dem Gefängniswärter auch spüren, wodurch er sich eine 90-tägige Einzelhaft einfing. "Aber das war es mir wert. Heute habe ich eine Lektion hinzu gelernt: Es gibt etwas viel Größeres als unser System - Gott", erzählt Melendez, wie er zum Glauben gefunden hat. Nur der Glaube kam ihm noch den Halt auszuharren und weiter zu leben. Nur die Erkenntnis nach einer höheren Gerechtigkeit ließ ihn all das aushalten. Denn die Ironie an der ganzen Geschichte: Bereits eine Woche später wäre der gestorbene "Bruder" aus der Haft freigelassen worden. Er hatte den Gerichtsprozess gewonnen, doch so starb er "wie ein Hund", so Melendez. "Der Staat hat ihm die Möglichkeit genommen, sich zu verteidigen und ein Leben in Freiheit leben zu können."

"Ich wurde nicht durch das System gerettet, sondern trotz des Systems"

Und so ist sich auch Melendez sicher: "Ich wurde nicht durch das System gerettet, sondern trotz des Systems". Vor dem Wuppertaler Publikum fängt Melendez an zu erzählen, wie es überhaupt zu seiner Freilassung nach 17 Jahren 8 Monaten und 1 Tag gekommen ist. Eines Tages kam Melendez Anwalt in seine Zelle. In den vergangenen über 17 Jahren hatte dieser für ihn diverse Male juristische Schritte, sog. "Appeals" (im Deutschland vergleichbar mit dem Rechtsinstitut der Berufung) eingelegt, um Melendez freizubekommen. Alle aber waren nicht erfolgreich.

Blick ins aufmerksame Auditorium

Der Anwalt sagte: "Einmal wollen wir es noch probieren". Es wäre die letzte Möglichkeit überhaupt gewesen, frei zu kommen. Danach wäre alles verloren gewesen, das Todesurteil hätte verhängt werden können. Es war also alles nur noch eine Frage der Zeit. Sollte dieser Appeal keinen Erfolg haben, so könne Melendez froh sein, wenn er noch drei Jahre im Gefängnis leben würde, sagte der Anwalt. Also legte der Anwalt im Namen von Melendez zum wiederholten Male Berufung ein. "Ein Wunder geschah" - die Augen von Melendez glänzen bei diesem Satz. Der damalige Pflichtverteidiger (Melendez wurde mittlerweile von einem anderen Anwalt vertreten), war mittlerweile zum Richter befördert worden, hatte über den Fall mitzuentscheiden. Er mußte aufgrund des drohenden Interessenkonfliktes aus Befangenheit abgelehnt werden. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass der Fall ganz neu aufgerollt werden musste. Eine Richterin wurde der Fall anvertraut, "der ich bis heute mein Leben verdanke", so Melendez. Denn diese Richterin kam auf die Idee, eine Tonbandkassette, die die ganzen Jahre ihr Dasein fristete, anzuhören. Als sie die Akten anforderte, fiel diese Tonbandkassette, auf der entlastendes Material enthalten war, aus der Akte heraus. Enthalten war hierauf das Geständnis des wirklichen Mörders von Delbert Baker, dem Besitzer eines Schönheitssalons in Florida. Diese Kassette hatte die Staatsanwaltschaft in dem Gerichtsprozess 17 Jahren zuvor zurückgehalten. "Die Zurückhaltung von Beweismitteln selbst ist auch strafbar", erinnert Melendez. Mithilfe dieser Kassette ließ sich auch beweisen, dass es 20 Zeugen gab, die die Schuld des tatsächlichen Mörders bezeugen konnten. Der Mörder selbst war mittlerweile nach so vielen Jahren selbst - in Freiheit versteht sich - verstorben.

4. Januar 2002: Die Freilassung

Mit dieser Munition schrieb die Richterin ein 72seitiges Schreiben und deckte damit einen Justizirrtum ohne gleichen auf. Die Verurteilung wurde aufgehoben. Zu einem neuen Prozeß kam es nicht mehr. Am 4. Januar 2002 wurde Melendez zum 99. freigelassenen Todestraktinsassen der USA seit 1973. Inzwischen ist die Zahl der freigelassenen Todestraktinsassen in den Vereinigten Staaten sogar auf 115 angestiegen.

"Zwei Beamten traten in meine Zell und sagten, sie wollen Fotos von mir machen", erinnert sich Melendez an die letzten Stunden seiner Inhaftierung. "Auf dem Foto habe ich gelächelt wie in einem Cartoon, und ich lächle noch immer", ist Melendez die Freude bis heute anzumerken. "Die Gefängniswärter waren plötzlich so ganz anders - ja freundlich", erinnert sich Melendez. Sie boten ihm ein Sandwich an und Limonade. "Aber ich wollte nicht, ich wollte hier nur noch raus!", schildert Melendez seine Gefühle innerhalb der letzten Stunden im Gefängnis. "Die Gefängniswärter nannten mich erstmals Mr. Melendez. Das hat mir gefallen!" Melendez wurde noch untersucht. Dann ging alles ganz schnell - "mir aber noch nicht schnell genug". Melendez packte seine Sachen zusammen - die Fotos, die Briefe seiner Mutter. Schritte näherten sich der Gefängnistür, die Tür wurde aufgerissen. "Zunächst hatte ich Angst. Was soll das denn nun bedeuten?", erinnert sich Juan Roberto Melendez. Aber ihm wurden nur die Handschellen und Ketten abgenommen. Der Gefängnisdirektor habe noch gesagt: "Herr Melendez, Sie sind jetzt ein freier Mann!" Als solcher verabschiedete sich Juan Roberto Melendez von seinen Mithäftlingen. "Ich war glücklich und traurig zugleich", faßt Melendez vor dem Wuppertaler Publikum seine Gefühle in diesem Moment seiner Freilassung zusammen. Glücklich, endlich frei zu sein, und traurig, all seine Freunde hier zurücklassen zu müssen. Seine Freunde klatschten ihm zu. "Sie waren alle froh. Vielleicht habe ich ihnen ein Stück Hoffnung für ihre eigene Freilassung zurückgegeben", denkt Melendez noch heute viel über diese Erfahrung nach.

100 Dollar und ein T-Shirt

Melendez bekam 100 Dollar und ein T-Shirt. "So stand ich alsbald vor dem Gefängnistor, das mich in die Freiheit entließ." Viele Reporter von CNN und anderen Anstalten standen vor der Tür. "Ein Reporter fragte mich: 'Wie fühlen Sie sich jetzt?' Ich sagte: Ich bin jetzt ein freier Mann. Eine Reporterin fragte daraufhin: 'Was tun sie jetzt?'. Ich habe ihr nicht gesagt, dass ich als erstes zu Disney-World gehen werde", scherzt Melendez über diese in seinen Augen völlig dumme und blöde Frage, die Journalisten in solchen Momenten stellen. "Was erwartet die Reporterin?" Und er verrät mit dem gleichen Atemzug dem Wuppertaler Publikum, was er heute besonders gerne tut:

"Ich will den Mond und die Sterne sehen. Ich möchte ein Baby in Händen halten, einen Baum umarmen und barfuss über Gras gehen und ich will mit Frauen sprechen. Heute steige ich gerne auf Felsen und schaue herunter. Es gibt so viel, wofür man danken kann - für die Freiheit."

Blick ins Auditorium

Und Melendez erzählt, wie er sich heute fühlt, erzählt, dass er froh ist, wenn er mal vier Stunden am Stück schlafen kann. "Diese Alpträume bringen mich bis heute um den Schlaf." Alpträume, in denen er das Aufheizen des heißen Stuhls hört, so wie er ihn abermale gehört hat, wenn wieder eine Hinrichtung anstand. Seine Freunde müssen diesen letzten Weg gehen, so träumt er. "Das ist das schlimmste hier draußen", fasst Melendez zusammen. "Hier draußen kann ich meinen Freunden nicht beistehen, ihnen nicht persönlich helfen! Sie werden sterben, ohne ich kann ihnen nicht beistehen", ist Melendez bekümmert.

"Heute schaue ich mir gerne Comics an und fühle mich wie einer dieser Comicfiguren, über deren Kopf nach einem Zusammenknall eine große Schmerzwunde klafft. Peeeng! Davongekommen fühle ich mich - davon gekommen nach einem großen Knall." Das Publikum lacht, wie Melendez diesen Vergleich plastisch darstellt.

Und Melendez fügt hinzu: "Ich langweile mich heute nicht. Ich bin froh, dass ich lebe!"

Das Wuppertaler Publikum klatscht heftig - ein bewegender Abend im Internationalen Begegnungszentrum der Caritas in Wuppertal.

Die Presseberichterstattung zum 1. Schwelmer Menschenrechtsforum:

aus: Westfälische Rundschau vom 20.05.2005

aus: Westfälische Rundschau vom 12.05.2005

Wir sind froh, dass wir Juan Roberto Melendez in Begleitung der amerikanischen Anwältin Judi Caruso kurzfristig nach Deutschland holen konnten - und damit zu ihrem ersten Deutschland-Besuch in Wuppertal.

Besonderen Dank für diese Veranstaltung gebührt unserer Dolmetscherin Barbara Heckel und dem Caritasverband Wuppertal, ohne die diese Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre.