Amnesty International Gruppe Schwelm (1524)

Impressum | Login

Gruppe Schwelm (1524)

StartseiteInformationen

„Etwas vom Traurigsten, was sich über die menschliche Gesellschaft sagen lässt, ist, dass sie Amnesty International immer noch braucht.“

(Friedrich Dürrenmatt)

Über Amnesty International

Als Amnesty International von Peter Benenson (1921-2005) im Jahre 1961 in England gegründet wurde, dachte noch niemand daran, dass hieraus eine weltweite Menschenrechtsorganisation werden würde. In jedem dritten Fall kann Amnesty International heute die Freilassung bzw. Hafterleichterung für einen Gefangenen erreichen oder dazu beitragen. Die Mitgliederorganisation ist von Regierungen, politischen Parteien, Religionen und Wirtschaftsunternehmen unabhängig. Ihre entschiedene Menschenrechtsarbeit wurde im Jahre 1977 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Auf der Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 wendet sich Amnesty International unter anderem gegen schwere Verletzungen der körperlichen und geistigen Unversehrtheit sowie der Meinungs- und Diskriminierungsfreiheit.

Insbesondere engagiert sich Amnesty International:

- Für die Freilassung von politischen Gefangenen, faire und zügige Gerichtsverfahren, das Bleiberecht von politischen Flüchtlingen und die Einhaltung der Wirtschaftlichen, Sozialen und Kulturellen Rechte.

- Gegen Folter, Todesstrafe und staatlichen Mord, sowie das Verschwindenlassen von Personen und den internationalen Transfer von Waffen.

Total verrückt - aber sonst ganz normal...

„... wir haben damals im Gefängnis alle den Begriff "Amnesty International" gekannt und auch ungefähr gewußt, wofür Ihr eintretet. Ihr wart für uns etwas Wichtiges und Bedeutendes, aber auch etwas, das vielleicht zu wichtig und bedeutend war, um sich an uns kleine Leute zu erinnern. Manchmal spürten wir aber Eure unsichtbare Anwesenheit. Es gab Gerüchte, dass sich draußen etwas für uns tat, es gab geschmuggelte Briefe und geklopfte Nachrichten von Zelle zu Zelle.

Vieles aber verstanden wir nicht genau: dass es irgendwo da draußen in der Welt Menschen geben sollte, die unser Leben verteidigen, ohne selbst einen Nutzen daraus zu ziehen, erschien uns seltsam und fast ein bisschen unglaubwürdig.

Ich dachte an Amnesty, wie man an eine große Maschine denkt, einen Apparat, riesengroß, mit Friedensnobelpreis und allem Drum und Dran, aber anonym, nicht aus Fleisch und Blut. Erst als ich meinen ersten Brief von Euch erhielt und versuchte, den fremden, zungenbrecherischen Namen des Absenders auszusprechen, begann ich, mir Gedanken über die Menschen von Amnesty International zu machen. Das war nicht leicht. Ehrlich gesagt, hab' ich zuerst an einen Verein von frommen Betbrüdern gedacht, die eine Kerze für uns anzünden und an das Gute im Menschen glauben und den lieben Gott bitten, er möge doch die Gefangenen 'rauslassen. Dann dachte ich an jede Menge von weißhaarigen alten Damen, aber ich konnte mich nicht entscheiden, ob das welche sein sollten, die Bettsocken für frierende Häftlinge stricken, oder solche, die mit ihren Regenschirmen entnervte Diktatoren verprügeln wollen.

Irgendwie konnte das alles nicht stimmen, deswegen stellte ich mir dann effiziente Herren in grauen Anzügen vor, die mit ihren schwarzen Aktenköfferchen bei den Vereinten Nationen aus- und eingingen und wie Börsenmanager mit Generälen verhandeln, oder diese bestimmte Art von Frauen in streng geschnittenen Kostümen, die im Business-Ton einem Staatsoberhaupt ihre Bedingungen auf den Tisch knallen, schmallippig und strebsam und irgendwie gefährlich.

Das passte aber überhaupt nicht zu dem Ton in Euren Briefen, also entschloss ich mich, an junge, rebellische Typen in Jeans zu denken, an bärtige Burschen oder Mädchen ohne Make-Up, an Gefährten also, die unseren Kampf auf ihre Art führen und unsere Fahnen in ihren Händen tragen. Dann aber habe ich bald gelernt, dass Euch die Farbe meiner Fahne ziemlich wurscht ist und Eure Farben nur die der Freiheit und der Menschenwürde sind. Das hat mich dann endgültig verwirrt. Zuletzt hab' ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen können, was für Menschen ihr seid.

Heute bin ich nicht schlauer geworden, obwohl ich ein paar von Euch nach der Freilassung am Flughafen kennengelernt habe: da waren ältere Herren, aber die sahen nicht sehr fromm aus; da waren weißhaarige Damen, aber die trugen weder Stricknadeln noch Regenschirme, sondern wache politische Köpfe. Da waren Leute, die sahen wie Computer-Verkäufer aus, aber die trugen keine Aktenköfferchen, sondern Transparente und Blumensträuße in der Hand. Da war sogar 'n Typ in Uniform, aber der hat mich nicht verhaftet, sondern umarmt.

Und die schwarzen Aktenköfferchen und diesen besonderen Hauch der Tüchtigkeit trugen dafür einige Jungs mit Bart und groben Pullovern oder Frauen in Jesus-Latschen und mit langen Haaren.

Einige von Euch sahen aus wie Leute, die man bei einer Demonstration in meinem Land als erste verhaften würde, andere sahen aus wie Leute, die solche Verhaftungen anordnen und wieder andere sahen aus wie die Menschen, denen das alles immer scheißegal ist und die tatenlos zusehen.

Man wird nicht schlau aus Euch. Ihr seht so aus, wie alle Menschen aussehen. Eigentlich gibt es nichts Besonderes an Euch. Ihr scheint ein beliebiger Querschnitt durch die Bevölkerung Eures Landes zu sein. Aber Ihr habt einen Teil Eures Lebens dafür gegeben, einen wildfremden Menschen aus dem Gefängnis zu holen. Ihr seid alle total verschieden und arbeitet doch gemeinsam. Sehr seltsam. Es gibt so vieles, was Euch untereinander trennen muss, aber Ihr habt Euch doch wie ein einziger Körper an meine Seite gestellt, als ich glaubte zu sterben. Mehr als seltsam.

Ich verstehe das alles immer noch nicht, aber es gefällt mir. Weißt du, ich glaube, Ihr müsst irgendwie ziemlich verrückt sein, liebenswert, aufrecht, unbegreiflich und total verrückt. Aber sonst ganz normal...

(Nach Auszügen aus zwei Briefen eines ehemaligen politischen Gefangenen an Amnesty International.)

aus: Eine Information über Amnesty International, Köln, 4. Auflage 1996

Informationen